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Pressebericht Wormser Zeitung vom 04.07.2013

Ulrike Knies beim Wirtschaftsforum 2013 der Volksbanken und Raiffeisenbanken


von Johannes Götzen



Spätestens seit den 70er Jahren hätte man es wissen können, sagt Dr. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ. Schon vor 40 Jahren sei nämlich bekannt gewesen, wie sich die Bevölkerung entwickelt. Heute sei der demografische Wandel zwar in aller Munde – nur passiere zu wenig. Zumindest vonseiten der Politik, sagt Schirrmacher, wohingegen die Wirtschaft längst reagiert habe.

Ulrike Knies beim Wirtschaftsforum 2013 der Volksbanken und Raiffeisenbanken
Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft aus? – darüber diskutierten (von links nach rechts): Bernd Hühn, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Alzey-Worms, David Lagner, Staatssekretär im Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie, Margret Suckale, Vorstandsmitglied der BASF, Astrid Frohloff, Fernsehjournalistin, Ulrike Knies, Geschäftsführerin von Elektro-Knies und Elt-Point Knies, Dr. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ.


Das zeigte sich am Dienstagabend beim Wirtschaftsforum der Volks- und Raiffeisenbanken, das von Fernsehjournalistin Astrid Frohloff moderiert wurde, sehr deutlich. Ob Margret Suckale, Vorstandsmitglied der BASF oder Ulrike Knies, Geschäftsführerin von Elektro Knies: Beide gehen längst mit dem Phänomen um, das für Schirrmacher einmalig ist. Denn bislang kenne das Land nur die Erfahrung einer jungen Gesellschaft. Was jedoch eine alternde Gesellschaft bedeutet, sei Neuland. Die politische Diskussion fokussiere sich auf die Finanzierung der Renten. „Das ist in Wahrheit unser kleinstes Problem. Denn die Biologie der gesamten Gesellschaft wird sich komplett neu definieren“, sagt Schirrmacher. Doch sieht Schirrmacher auch Chancen. Noch nie habe die Generation der 40- bis 50-Jährigen eine so große Spanne aktiven und erfüllten Lebens vor sich gehabt. Da stecke auch großes Potenzial. Bislang wurde alles Wesentliche von Karriere bis Familie in das eine Jahrzehnt zwischen 25 und 35 Jahren gepresst. „Es galt, mit 40 muss man es geschafft haben“, so Schirrmacher. Statt dessen sollte man die neuen Ressourcen nutzen, um die Jüngeren zu entlasten, nicht zuletzt, um Platz zu lassen für die Familiengründung.

Der Betriebskindergarten ist für die BASF längst selbstverständlich, machte Margret Suckale deutlich. Sie lenkte den Blick auf die älteren Mitarbeiter, deren Kinder aus dem Gröbsten raus sind, die sich aber um die Eltern kümmern müssen. „Da spürt man manches Mal, dass sie zerrissen sind zwischen Beruf und pflegebedürftigen Angehörigen“, weiß die Vorstands-Frau. Deshalb bietet die BASF flexible Modelle an, die es erlauben, Arbeitszeitkonten aufzufüllen und dann eben auch mal weniger arbeiten zu können. Ein großes Thema im Chemie-Werk: Wie kann physische Arbeit so gestaltet werden, dass ältere Mitarbeiter sie lange ausüben können? Eine medizinische Betreuung bietet das Unternehmen ebenso an wie gesünderes Kantinen-Essen bis hin zum Fitnessstudio auf dem Werksgelände: „Derzeit entsteht dort ein Work-Life-Management Center“, so Margret Suckale.

Für ein riesiges Unternehmen sicherlich leichter zu stemmen als für einen Mittelständler mit 80 Mitarbeitern? Die Wormser Unternehmerin Ulrike Knies, in dritter Generation in der Firmenverantwortung, winkt ab: „Es ist nicht viel anders, nur alles ein bisschen kleiner.“ Bei Elektro Knies gibt es auch eine Rückenschule, „das machen wir im Seminarraum.“ Das Prinzip ist aber das gleiche: Die Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen. Deshalb ist es auch kein Problem, wenn Männer Elternzeit nehmen, zwei hatten dies bei Knies zuletzt gemacht, einer habe in dieser Zeit zudem einen Teil der Vorbereitungen für die Meisterprüfung erledigt. Erstmals ist ein Mitarbeiter im dualen BA-Studium und Frauen als Elektriker-Lehrlinge nehmen zu, weil Knies in den Schulen wirbt oder per Facebook sucht. Es gehe darum, ein Image aufzubauen nach dem Motto: „Da ist ein Betrieb, da kannst du etwas werden.“

Eine besondere Herausforderung sieht David Lagner, Staatssekretär im Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie: Während die Städte wachsen, bluten die Kommunen im ländlichen Bereich aus. Dort gelte es, eine funktionierende Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten. Als Handlungsfeld für die Politik benannte er auch das Potenzial jüngerer Menschen, die in vergangenen Jahren des Überangebots dem Arbeitsmarkt verloren gegangen seien.

Bernd Hühn, Vorstandsvorsitzender der gastgebenden Volksbank Alzey-Worms, sah am Ende der Diskussion die Erkenntnis, dass der demografische Wandel nicht nur die Wirtschaft betrifft, sondern die gesamte Gesellschaft. Das mache sich auch im Bankgeschäft bemerkbar, hatte Hühn schon zur Begrüßung gesagt. Bei Firmenkunden spiele die Frage der Unternehmensnachfolge eine immer größere Rolle, bei Privatkunden zunehmend die Altersvorsorge.

DAS FORUM
„Die Zukunft der Arbeit: Szenarien für eine alternde Gesellschaft“ lautete der Titel des Wirtschaftsforums der rheinland-pfälzischen Volksbanken und Raiffeisenbanken im Mozartsaal des Wormser.

Der Genossenschaftsverband hatte dazu rund 150 mittelständische Unternehmer eingeladen.